Harry Clavering ist vielleicht der erste wohlgeborene viktorianische Held, der sich für eine Karriere im Bauingenieurwesen entscheidet; er möchte die Welt mit Eisenbahnen und Brücken verändern. Julia Brabazon, seine erste Liebe, verlässt ihn für einen wohlhabenden, zerstreuten und decrepiten Adligen. Zwei Jahre später taucht sie als reiche junge Witwe wieder auf und zwingt Harry, zwischen den Annehmlichkeiten einer wohlhabenden Frau und dem ehrenhaften Weg, seine Verlobte Florence Burton zu heiraten und seiner erklärten Karriere nachzugehen, zu wählen. Seine Gewissenskonflikte stehen in starkem Kontrast zur emotionalen Stärke der beiden Frauen. Trollope zeigt meisterhaft Realismus und viktorianisches moralisches Empfinden, während er die Qualen der Entscheidungsfindung in Beruf und Ehe darstellt. Seit seinem ersten Erscheinen im Jahr 1867 wird dieser Roman als eine der erfolgreichsten Darstellungen des mittleren viktorianischen Lebens von Trollope gefeiert. Die Claverings ist reich an zeitgenössischen Details und zeigt, wie oft bei Trollope, die Schwäche der Männer und die emotionale Stärke der Frauen.
Andrea Ott Bücher




Manesse Bibliothek der Weltliteratur: Mr. Harrisons Bekenntnisse
Erzählungen – Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Ott – Nachwort von Alice Reinhard-Stocker
- 376 Seiten
- 14 Lesestunden
Elizabeth Gaskell, eine Meisterin psychologisch stimmiger und spannender Geschichten, porträtiert das Leben und Lieben in der englischen Provinz mit ebenso viel Klugheit und Unterhaltung wie Jane Austen. Ihr scharfer Blick bleibt keine Seelenregung verborgen, und die Schwächen ihrer Helden entfaltet sie mit Nachsicht und Humor. In diesem Band werden Gaskells schönste Erzählungen in einer exklusiven Auswahl präsentiert. Dr. Harrison, der frischgebackene Landarzt, sieht sich in Duncombe mit Missverständnissen konfrontiert, die ihn dreifach verloben. Erst nach zahlreichen Geständnissen findet er den Weg zur großen Liebe. In der Erzählung «Cousine Phillis» ist der jugendliche Erzähler von der ländlichen Anmut seiner Verwandten betört, doch sein wohlmeinender Rat führt zu einem tragischen Ende ihres Lebensglücks. Die Geschichte vom «Schafscherer in Cumberland» entführt uns auf einen heiteren Spaziergang durch das sommerliche Nordengland, wo Gaskell mit sinnenfrohen Landschaftsbeschreibungen begeistert. Elizabeth Gaskell (1810–1865), Frau eines Geistlichen und fünffache Mutter, verfasste vierzig Erzählungen, sieben Romane und eine Biographie über Charlotte Brontë. Mit ihrem psychologischen Scharfsinn und ihrem Wissen um die Lebensbedingungen ihrer Zeitgenossen gilt sie als eine der bedeutendsten Chronistinnen Nordenglands.
"Denken Sie daran, dass Sie sterben müssen", sagt eine Stimme am Telefon und erschreckt damit Lettie Colston, die jüngere Schwester von Godfrey Colston. Der ist siebenundachtzig Jahre alt, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und zum Geiz neigend. Seine Frau Charmian, die früher eine erfolgreiche Romanautorin war, leidet hingegen unter Gedächtnisschwund. Doch obwohl sie ihre Haushälterin, die gutmütige Mrs. Anthony, mit Taylor anredet - so hieß ihre frühere Bedienstete - und auch sonst ziemlich durcheinander ist, antwortet sie dem Warner am Telefon überraschend schlagfertig mit einer tiefen Einsicht: "In mancher Beziehung läßt mein Gedächtnis mich ja im Stich, aber irgendwie kann ich meinen Tod nicht vergessen, wann immer das auch sein wird." Godfrey beobachtet die Senilität der anderen und kommentiert diese mit Sarkasmus. Außerdem gehört noch Mrs. Pettigrew zu den Colstons, die allerdings keineswegs uneigennützig deren Haushalt führt, sondern das Erbe im Visier hat. Irgendwann erreicht der anonyme Anrufer mit der Todesmahnung auch Godfrey, dem diese Warnung sichtlich zu schaffen macht. Jedenfalls sind diese Alten auch in ihrem letzten Lebensabschnitt keineswegs frei von Eifersucht, Rachegefühlen, Todesangst und Bosheit ...