Viola Hildebrand Bücher






Das Künstlerbuch angemessen beschreiben oder definieren zu wollen, erweist sich als äußerst schwierig. Allein schon die verschiedenen Begrifflichkeiten, die zur Bezeichnung des vom Künstler konzipierten, gestalteten oder verantworteten Buchs verwendet werden, differieren erheblich voneinander. So verbindet sich mit dem in den jeweiligen Sprachen verwendeten Ausdruck artist’s book, livre d’artiste oder Künstlerbuch eine jeweils spezifische Ausformung. Zwar gibt es Übereinstimmungen, aber sie reichen nicht aus, um eine abschließende Definition für den Gegenstand zu geben. Präziser erweist sich eine Eingrenzung des Gegenstandes. So lassen sich Grenzen beschreiben, bei denen künstlerbuchtypische Eigenschaften den Rahmen des Künstlerbuches zu überschreiten geneigt sind. Das betrifft die Typografie, den Buchkörper, die Rezeptionsweisen und die Chronologie der Entwicklungsgeschichte dessen, was gemeinhin als Künstlerbuch bezeichnet wird. Diese Grenzen in Augenschein zu nehmen und damit in das weite Feld des Künstlerbuchs einzuführen, ist Anliegen der Darstellung. Erfasst werden gleichermaßen Klassiker des Künstlerbuchs wie auch zeitgenössische Beispiele, Produktionen der nonkonformen Kunst, wie sie in der ehemaligen DDR entstanden, werden ebenso berücksichtigt, wie jüngste Beispiele russischer Künstler.
Seit 1937 gibt die Gesellschaft der Bibliophilen das Jahrbuch Imprimatur heraus, das 1930 gegründet wurde. Die reich illustrierten Beiträge decken ein breites Spektrum ab, das die vielfältigen bibliophilen Interessen von Sammler*innen, Bücherfreund*innen und Buchliebhaber*innen anspricht. Historische Sammlungen sowie Fragen zur Erhaltung und Restaurierung werden behandelt, ebenso wie aktuelle Tendenzen in Buchgestaltung, -illustration und -einband. Geistesgeschichtliche sowie buch- und kunsthistorische Themen werden durch Porträts von Typografen und Sammlern ergänzt. Imprimatur erscheint alle zwei Jahre und richtet sich an Sammler, Buchhistoriker, Antiquare und Freunde der Buchkunst. Band 28 (2023) fokussiert auf buchsammelnde Institutionen, Künstlerbücher, Typografie und Formen des Lesens, um entwicklungsgeschichtliche Tendenzen aufzuzeigen. Faksimilierten Seiten aus einem Künstlerbuch verdeutlichen die Bedeutung des Buchraums für die Sinnerfassung. Zu den 12 Beiträgen zählen unter anderem Viola Hildebrand-Schat über zeitgenössische russische Kunst, Christoph B. Schulz zu Sonia Delaunay, Robbin Ami Silverberg mit einer Buchvorstellung, Silvia Werfel über Schrift und Anneke de Vries zu H. N. Werkman. Mike Rottmann behandelt den bürgerlichen Bücherschrank, während Heinz Bonfadelli das Lesen und die politische Kultur thematisiert.
Kunst verbucht
- 277 Seiten
- 10 Lesestunden
Welche Bedeutung illuminierten Handschriften im Mittelalter zukam, ist ihrer reichen Ausschmückung ebenso zu entnehmen wie dem sorgfältigen Umgang mit ihnen. Die von ihnen ausgehende Faszination setzt sich bis in die Gegenwart fort. Rudolf Koch ließ sich bei der Gestaltung seiner Bücher unter anderem vom Perikopenbuch Heinrichs II. inspirieren, der französische Verleger Tériade bezog sich bei der Konzeption der von ihm ins Leben gerufenen Zeitschrift Verve allgemein auf die handgeschriebenen und illuminierten Texte des Mittelalters. Ausgeprägte Anleihen an mittelalterlichen Miniaturen zeichnen sich im Illustrationswerk von Hermann Hesse und noch weit stärker im sogenannten Roten Buch des Psychologen und Tiefenanalytikers C. G. Jung ab. Vor allem aber orientieren sich zeitgenössische Buchkünstler immer wieder am Buch der Vergangenheit. Das Spektrum ist weit gefasst und schließt die Auseinandersetzung mit einem einzelnen Buch ebenso ein wie eine allgemeine Orientierung an Literaturtypen, wie der kosmologischen Studie, dem Tierbuch, dem Herbarium, dem Andachtsbuch oder dem Totentanz. Welche Fülle an Gestaltungsmöglichkeiten ausgeschöpft wird und wie weit hier die alten Vorlagen Pate stehen, lässt sich oft nur ausschnitthaft erfahren. Die hier vorgestellten Gegenüberstellungen von tradiertem Genre und zeitgenössischem Künstlerbuch sucht Möglichkeiten einer Konfrontation nachzuvollziehen und Anregungen zur Betrachtung zu liefern.
Literarische Aneignung und künstlerische Transformation
Zur Literaturrezeption im Werk von MARCEL BROODTHAERS
- 368 Seiten
- 13 Lesestunden
„Der vorliegenden Untersuchung ist die Bereitschaft des Lesers zu wünschen, den in Broodthaers’ Œuvre angelegten beweglichen Fluchtlinien und Strömungen nachzuspüren, insbesondere denjenigen, in die er Literatur und bildende Kunst, Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis hineinzuziehen verstand. Dafür liefert dieses Buch die vielfältigsten Ansatzpunkte und Querverweise.“ (Gregor Stemmrich)
Moritz Retzsch ist ein wichtiger Repräsentant der Kunst um 1800, weil er den eng gesteckten, überwiegend die Interessen und Vorstellungen einer kleinen aristokratischen Schicht berücksichtigenden Rahmen von Kunst aufbricht und sich an ein breites Publikum wendet. Möglich wird dies durch seine von Anfang an zur Publikation bestimmten Illustrationen. Retzsch war der erste, der sich nicht nur unmittelbar nach dem Erscheinen von Goethes Faust-Drama dessen umfänglicher Bebilderung zuwandte, sondern in der Folge auch weiteren Klassikern der deutschen und englischen Literatur illustrierte. Dabei war es ihm weniger um unmittelbare Wiedergabe des Textes zu tun, als vielmehr um eigenständige Bildzyklen, die den Text neu interpretierten. Retzsch löste sich ausserdem von den geläufigen Gestaltungsverfahren und konzentrierte sich ganz auf die Darstellung in Umrisslinie, einem Verfahren, daß um 1800 Konjunktur hatte. Die Umrisslinie schien den Zeitgenossen in besonderer Weise geeignet, literarische Texte angemessen zu vermitteln. Aufgrund ihres reduzierten Ausdrucks, griff sie der Phantasie des Lesers nicht vor, sondern regte neue Wahrnehmungsweisen an.