Jeder, der mit Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) und seinem Zeugnis vertraut ist, wird von diesem Buch einen mutigen und provokativen, aber auch tief authentischen Zugang erwarten, der von der Lebenshaltung des Autors geprägt ist. Die Herausforderungen der Zeit erlaubten es diesem bedeutenden Theologen nicht, aus einem akademischen Rückzugsort oder aus der Perspektive eines Moralisten zu schreiben, der sich nicht mit der Welt auseinandersetzt. Das unvollendete Werk blieb an dem Tag auf dem Tisch liegen, als Bonhoeffer vom Gestapo verhaftet wurde.
Wir kennen die Persönlichkeiten des Widerstandes, wir wissen von der Begeisterung der Massen und - seit kürzerem - sogar von der übergroßen Zahl der willigen Vollstrecker. Aber Wissen wir wirklich etwas? Ist in der Perspektive des Heute tatsächlich nachzuvollziehen und zeitnah begründet zu beurteilen, wie unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Regimes Personen und Institutionen zu ihren Haltungen und Handlungen kamen? Wie problematisch das schnelle Urteil hier ist, zeigt Heinz Eduard Tödts Heidelberger Abschiedsvorlesung, die dieser Band dokumentiert Am Beispiel der Kirche, ihrer Repräsentanten und ihrer theologischen Positionen eröffnet er einen tiefen Einblick, was es bedeutete, vor Auschwitz und auf der Grundlage bestimmter geschichtlicher Prägungen sich zum nationalsozialistischen Regime verhalten zu müssen. Deutlich wird: Da gab es kein glattes Entweder-Oder. Das Verhältnis von Kirche und Theologie zum Regime und seinem Verhalten in den Jahren 1933 bis 1945 ist eine Geschichte in der Geschichte. Tödt erzählt diese „innere Geschichte“ nach - spannend, klug, differenziert und aufrichtig. Tödts Absicht ist nicht die Entschuldigung des Versagens und der Schuld. Es geht ihm um ein wirkliches Verstehen des Damals - gegen das schnelle Urteil, auch als Ermahnung zur Vorsicht und als Sensibilisierung für die Wahrnehmung des Heute.