Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem Bücher
Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem war eine deutsche adlige Romanschriftstellerin, deren Werke um die Jahrhundertwende zu den populärsten Unterhaltungsromanen zählten. Sie verstand es, Geschichten zu schaffen, die ein breites Publikum fesselten und fesselnde Leseerlebnisse boten. Ihre Arbeit konzentrierte sich auf Themen, die bei den Zeitgenossen Anklang fanden. Adlersfeld-Ballestrems unverwechselbarer Stil und Erzähsansatz machten sie zu einer bedeutenden Figur der Unterhaltungsliteratur ihrer Zeit.






Amönenhof
- 170 Seiten
- 6 Lesestunden
Friedrich XV., Herzog von Weißenfels, hatte seine Regierungsgeschäfte für den Tag erledigt, indem er seine Unterschrift unter mehrere Dokumente setzte. Er lehnte sich in seinen bequemen Sessel zurück und fragte sich, was er nun tun solle. Die Herzogtümer, die er regierte, waren auf der Landkarte Deutschlands kaum zu finden, was bedeutete, dass seine Regierungsarbeit im besten Fall eine Stunde pro Tag in Anspruch nahm. Die Residenzstadt mit ihrem imposanten Schloss war ein kleines, ruhiges Nest, in dem das gesamte Militärkontingent des Landes, ein Leib-Regiment Infanterie, sein Möglichstes tat, um etwas Leben hineinzubringen. Der Hofstaat war klein, und die Empfänge im Schloss beschränkten sich auf ein paar Hofbälle im Winter und einige Gartenkonzerte im Sommer. Daher konnte man nicht behaupten, dass der Herzog und seine Gemahlin unter der Last ihrer Pflichten litten. Friedrich XV., ein junger Mann, gähnte erneut und murmelte über seine Langeweile. Er überlegte, ob er reiten sollte, ohne den langweiligen Adjutanten mitzunehmen, der ihm die Landschaft vermieste. Als er die Uhr sah, beschloss er, sich bei Elisabethchen eine Tasse Tee zu gönnen und mit der schönen Theo ein wenig zu raufen.
Rosazimmer
- 150 Seiten
- 6 Lesestunden
Der Schnellzug Rom-Wien donnerte, von Mestre kommend, über die Eisenbahnbrücke, die das Festland mit Venedig verbindet, um von dort, nach kurzer Rast, denselben Weg bis Mestre zurückzunehmen und dann die Reise über Pontebba-Villach fortzusetzen. Am Fenster eines Abteils erster Klasse des direkten Wagens Rom-Wien stand ein noch junger Mann und sah nicht ohne eine gewisse Sehnsucht im Blick auf die Silhouette der »Meereskönigin«, die über die Lagunen hinweg sich fast schwarz gegen das Marineblau des Nachthimmels abzeichnete, auf dem eine phantastisch große, goldige Mondsichel stand und auf das leichtbewegte Wasser glitzernde Goldflitter streute. Zuerst waren es die Türme von Murano, die aus dem Wasser auftauchten, dann, als der Zug der Station näher kam, die Mündung des Canareggio, aus der eben ein beleuchteter kleiner Dampfer nach San Giuliano zueilte, dann der Glockenturm von San Giobbe, und schließlich war der häßliche, nüchterne Bahnhof mit seinem Hasten, Treiben, Rennen und Schreien erreicht. Mit einem kleinen Seufzer trat der einsame Reisende in dem Abteil erster Klasse von dem Fenster zurück, zog den Vorhang zu, als wünsche er, nicht gesehen zu werden, und hielt zum Überfluß noch eine Zeitung vor, so daß er von außen sicher nicht zu erkennen gewesen wäre, trotzdem die elektrische Lampe in dem Abteil hell genug brannte.

