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Bernhard Giesen

    20. Mai 1948 – 26. Dezember 2020
    Nationale und kulturelle Identität
    Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft - 1070: Die Intellektuellen und die Nation
    Makrosoziologie
    Kollektive Identität
    Die Entdinglichung des Sozialen
    • Kollektive Identität

      Die Intellektuellen und die Nation 2

      • 240 Seiten
      • 9 Lesestunden

      Kollektive Identität ist zu einem aktuellen Thema geworden. Als nationale, kulturelle, regionale oder ethische Identität bestimmt diese Frage nicht nur die politische Rhetorik, sondern auch die Ziele alter und neuer sozialer Bewegungen, begründet politische Konflikte und territoriale Ansprüche, gibt Minderheiten das Recht auf Widerstand gegen Mehrheiten und fordert Solidarität. Bernhard Giesen nähert sich dem Thema von zwei unterschiedlichen Ausgangspunkten. In seinen allgemeinen theoretischen Überlegungen entwirft er zunächst eine Typologie von Codierungen kollektiver Identität (primordiale, traditionalistische und universalistische Codes) und beschreibt deren situative Bedingungen. Anschließend skizziert er drei historische Szenarien, in denen Intellektuelle und ihr bürgerliches Publikum im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert gesellschaftliche Identität entworfen haben. Dabei geht es um das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit in der französischen Aufklärung und der deutschen Romantik, um Historismus und Modernismus im wilhelminischen Kaiserreich sowie um die Entwicklung von Rassismus und Antisemitismus in Deutschland und Frankreich.

      Kollektive Identität
    • Im Jahrhundert zwischen Aufklärung und Bismarcks Reichsgründung konnte sich Deutschland vor allem als Kulturnation beschreiben. Das aufsteigende Bildungsbürgertum und bestimmte Intellektuelle traten als Konstrukteure der nationalen Identität auf. Aus einer gewissen Distanz zur Gesellschaft entwarfen sie das Volk und die Nation als kollektives Fundament für eine unruhige Moderne. Diese Vorstellungen nationaler Identität entwickelten sich zunächst in anspruchsvollen Diskursen innerhalb der Intellektuellenzirkel und fanden dann in trivialisierter Form in der Gesellschaft Verbreitung. Neue Generationen von Intellektuellen distanzierten sich von diesen Trivialisierungen und schufen neue Entwürfe nationaler Identität. Die Romantiker etwa wandten sich vom Patriotismus der Aufklärung ab, während die Vormärzintellektuellen den transzendenten Volksbegriff der Romantik durch die Vorstellung des „Volkes auf der Barrikade“ ersetzten. So wurde ein Repertoire von Codierungen nationaler Identität entwickelt, das bis zur Wiedervereinigung auch für das staatlich geteilte Deutschland von Bedeutung war. Der moralisch orientierte Patriotismus der Aufklärung, der ästhetische Volksbegriff der Romantik, der demokratische Volksbegriff der Vormärzintellektuellen und die realpolitische Idee der Reichsnation prägten diese Entwicklung maßgeblich.

      Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft - 1070: Die Intellektuellen und die Nation