Kreide
- 200 Seiten
- 7 Lesestunden



Herbert, ein Lehrer in Wien und frisch vom Alkoholismus geheilt, kämpft mit dem Selbstmord seines langjährigen, zerstrittenen Bruders Reinhold. Auf der Suche nach Frieden mit der Vergangenheit reflektiert er über seine Kindheit und Jugend, die ihn über fünf Jahrzehnte bis zu seinem eigenen Absturz begleiten. In der Schäfer-Familie gibt es dunkle Geheimnisse: Die Großtante Valerie ist verschwunden, die Mutter stirbt früh bei einem Autounfall, und die Familie leidet unter der erblichen Chorea-Huntington-Krankheit. Reinhold und seine Frau Liz, beide Sozialarbeiter und Stadtflüchtlinge, verbringen einen Urlaub an der Adria, wo Reinhold ein Reisetagebuch führt. Er hat Angst vor der Krankheit und wird von Liz gedrängt, sich untersuchen zu lassen. In seinen Aufzeichnungen entdeckt er Hinweise auf Valeries Schicksal während der Nazizeit, was ihn emotional belastet. Während Herbert versucht, sein Leben neu zu gestalten, wird Reinhold mit einem positiven Testergebnis konfrontiert, was ihn in eine tiefe Verzweiflung stürzt. In einem winterlichen Wald trifft er schließlich eine fatale Entscheidung. Die Zukunft für Herbert, Liz und Max bleibt ungewiss. Der Roman entfaltet eine lückenhafte, aber zusammenhaltende Familienchronik, die trotz aller Brüche und Verluste ein starkes Gewebe bildet.
Valerie wohnt als Kostgängerin bei ihrer Tante in Wien. Sie verliebt sich zum Entsetzen der Familie in einen »Roten«, wird in ihrer Kammer gefangen gehalten, legt Feuer … Der Anfang einer Geschichte, die in der berüchtigten Anstalt Hartheim endet – mit der »Tötung lebensunwerten Lebens«, wie es im nationalsozialistischen Amtsjargon hieß. Eine Geschichte unter vielen, die von den Angehörigen unter einem Berg von Scham und Schweigen begraben wurden. Auch in der Familie des Autors. Mit »Valerie« unternimmt es Robert Kraner, dem Schicksal seiner getöteten Großtante Therese Weber nachzugehen, sie in Erinnerung zu rufen, ihr in knappen, eindringlichen Bildern ein Gesicht und eine Geschichte zurückzugeben. Parallel dazu entfaltet sich ein Metatext, der davon erzählt, wie die zufällige Begegnung mit einem geistig verwirrten Mann zum Impuls wird, sich mit der eigenen, verdrängten Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Den dritten Teil des Buches bilden Dokumente, Zeugnisse und Gerichtsprotokolle, auf die der Autor bei seiner Spurensuche gestoßen ist: Dokumente des Schreckens über jene Tötungsmaschinerie, die mit der irreführenden Bezeichnung Euthanasie versehen wurde.