In zwanzigjähriger Forschungsarbeit hat Ariès eine Fülle archäologischer, literarischer und liturgischer Quellen gesichtet, Sterberiten und Bestattungsbräuche untersucht, die Geschichte der großen städtischen Friedhöfe studiert und zahlreiche Testamente durchforscht. Entstanden ist eine Geschichte der Einstellungen des Menschen zum Tod und zum Sterben. Fast zwei Jahrtausende lang - »von Homer bis Tolstoi« - blieb im Abendland die Grundeinstellung der Menschen zum Tod nahezu unverändert. Der Tod war ein vertrauter Begleiter, ein Bestandteil des Lebens, er wurde akzeptiert und häufig als eine letzte Lebensphase der Erfüllung empfunden. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich ein entscheidender Wandel vollzogen. Der Tod ist für den heutigen Menschen angsteinflößend und unfaßbar, und er ist außerdem in der modernen, leistungsorientierten Gesellschaft nicht eingeplant. Der Mensch stirbt nicht mehr umgeben von Familie und Freunden, sondern einsam und der Öffentlichkeit entzogen, um den »eigenen Tod« betrogen.
Philippe Ariès Bücher
Philippe Ariès war ein französischer Historiker, der sich auf die Geschichte der Familie und Kindheit sowie insbesondere auf die Veränderung der Einstellungen zum Tod in der westlichen Welt konzentrierte. Er bezeichnete sich selbst als „anarchistisch von rechts“. Seine Arbeit, die sich oft mit dem Alltag beschäftigte, war zu seiner Zeit im englischsprachigen Raum bekannter als in Frankreich selbst. Er wird dafür anerkannt, dass er die Kindheit als soziale Konstruktion begriff und die Geschichte der Kindheit als ernsthaftes Studienfach etablierte. Ebenso wird er für seine Forschung zur Geschichte der Einstellungen zum Tod und Sterben erinnert, die er ebenfalls als soziale Konstrukte betrachtete.






Was wir Kindheit nennen, hat es nicht immer gegeben. Die Abgrenzung zwischen Kindern und Erwachsenen hat das Mittelalter nicht gekannt: Kinder lebten, sobald sie sich allein fortbewegen und verständlich machen konnten, mit den Erwachsenen, waren kleine Erwachsene. Was wir »Familie« nennen - die Gemeinschaft von Eltern und Kindern -, entwickelte sich in Europa erst im 15. und 16. Jahrhundert allmählich aus den größeren Sippen- und Stammesverbänden; sie wird dann zu einer moralischen Institution. Diese und andere grundlegende und oft überraschende Erkenntnisse gewinnt Ariès aus seinem Studium der sozialen, rechtlichen und kulturellen Entwicklung der Familie und der Erziehung. Er findet sein Material nicht in den Theorien und Programmschriften und den Äußerungen der Maßgebenden, sondern hauptsächlich in den vielfältigen, oft stillen Zeugnissen des Alltagslebens aller Volksschichten.
»Privates Leben ist keine Naturtatsache; es ist geschichtliche Wirklichkeit, die von den einzelnen Gesellschaften in unterschiedlicher Weise konstruiert wird. Es gibt nicht das private Leben mit ein für allemal festgelegten Schranken nach außen; was es gibt, ist die - selber veränderliche - Zuschreibung menschlichen Handelns zur privaten oder zur öffentlichen Sphäre. ... Die Geschichte des privaten Lebens beginnt mit der Geschichte seiner Markierungen.« Antoine Prost »Diese große, eindrucksvolle Unternehmung wird man einmal zu den fortdauernden Werken der Historiographie in unserer Zeit zählen.« "Times Literary Supplement"
Geschichte des privaten Lebens 1
Vom Römischen Imperium zum Byzantinischen Reich
Das Buch beinhaltet vier in den USA gehaltene Vorlesungen von Philippe Ariès, die sich mit Einstellungen der Menschen zum Tod im Verlaufe der Geschichte beschäftigen. In der ersten Lesung stellt der Autor den Umgang mit Tod und Sterben im zweiten Jahrtausend nach Christus dar. In den weiteren Vorlesungen stehen die Vorstellungen der Menschen in diesem Zeitraum und ihr Umgang mit dem eigenen bzw. dem Tod des anderen im Mittelpunkt. Darüber hinaus enthalten sind Aufsätze über Forschungsarbeiten des Autors, welche die in den Vorlesungen aufgeworfenen Thesen unterstützen.
Diese eindrucksvolle Dokumentation, präsentiert von führenden französischen Historikern der »Nouvelle école«, bietet eine Vielzahl von Bildern und geschichtlichen Zeugnissen. Die Themen reichen von den Ursprüngen der Zivilisation bis zu den komplexen Aspekten der Sexualität und Ehe im Laufe der Geschichte. Jean Bottéro eröffnet mit der Erzählung über Babylon, gefolgt von Claude Mossés Betrachtung der Sappho aus Lesbos und Maurice Sartres Analyse der Homosexualität im antiken Griechenland. Paul Veyne beleuchtet die Homosexualität in Rom, während Catherine Salles die Rolle der Prostituierten in der römischen Gesellschaft thematisiert. Jacques Solé beschreibt die Liebe als Passion der Troubadoure und François Lebrun die Anfänge der Geburtenkontrolle. Philippe Ariès und Alain Corbin widmen sich der Empfängnisverhütung und der Faszination des Ehebruchs. Die biblischen Figuren Adam und Eva werden von Bottéro als das erste Paar betrachtet, während Veyne die Ehe im römischen Kontext analysiert. Jacques le Goff thematisiert die Verfemung der Lust, und Michel Sot untersucht die Entstehung der christlichen Ehe. Die Dokumentation behandelt auch die Herausforderungen der Ehe, wie die Prozesse wegen sexueller Impotenz im 17. Jahrhundert und den langen Weg zur Scheidung. Weitere Themen sind die Existenz von Sade, die Syphilis als „amerikanische Krankheit“ und die gesellschaftlichen Ängste rund um Sexualität und Masturbation.



