Geschichte und Frieden in Deutschland 1870-2020
Eine Würdigung des Werkes von Wolfram Wette






Eine Würdigung des Werkes von Wolfram Wette
Theodor Lessing und die Umbenennung der Hindenburgstraße in Hannover
Die Transformation deutscher Offiziere zu Kriegsgegnern und Pazifisten stellt einen bemerkenswerten Widerstand gegen die vorherrschende preußisch-deutsche Macht- und Gewaltpolitik dar. Trotz gesellschaftlicher Ächtung und Verfolgung setzten sie sich für eine Umkehr von der Kriegsmentalität ein und warnten vor den Konsequenzen der Isolation. Ihre Geschichte, die nach 1933 und 1945 weitgehend verdrängt wurde, wirft Fragen zur Erinnerungskultur und Vergangenheitsbewältigung auf, indem sie alternative Wege der Konfliktlösung und die Ignoranz gegenüber pazifistischen Traditionen thematisiert.
Lange vor dem Völkermord an den Armeniern haben der Sozialdemokrat Eduard Bernstein (1850-1932), Gründer des „Revisionismus“, und Otto Umfrid (1857-1920), evangelischer Pfarrer, Schriftsteller und Vizepräsident der Deutschen Friedensgesellschaft, in flammenden Aufrufen die Unterdrückung des armenischen Volkes angeprangert und die Großmächte aufgefordert, es vor weiteren Übergriffen zu schützen. Ihre Haltung ist ein beredtes Zeugnis für jene Deutsche, die warnend ihre Stimme erhoben, um Vertreibung und Mord zu verhindern. Den Verbrechen und der nationalen Interessenpolitik stellten sie die Unantastbarkeit der menschlichen Würde gegenüber. Ihr Engagement offenbart, daß der weitere Weg in die Katastrophe nicht zwangsläufig war und sich die europäischen Großmächte ihrer vertraglichen Verpflichtungen enthoben, indem sie die Gewaltausübung des Osmanischen Reiches und der Türkei gegenüber Minderheiten mehr oder minder hinnahmen. Ein Buch, das angesichts der beschämenden Haltung des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg, der fortgesetzten Leugnung des Völkermords an den Armeniern durch die türkische Regierung und der Debatte um den Eintritt der Türkei in die Europäische Union besonders aktuell ist.