Texte & Kontexte der Philosophie - 8: Migration und Hospitalität
Im interdisziplinären Gespräch mit Donatella di Cesare
Donatella Di Cesare ist eine italienische Philosophin, Essayistin und Kolumnistin, die Theoretische Philosophie an der Universität "La Sapienza" in Rom lehrt. Ihre Arbeit befasst sich mit grundlegenden Fragen des zeitgenössischen Denkens und erforscht oft Themen wie Freiheit, Macht und die Grenzen menschlichen Wissens. Di Cesare nähert sich der Philosophie mit scharfer Analyse und einem klaren Stil, wodurch sie die philosophische Tradition für den modernen Leser wiederbelebt. Ihre Essays und Bücher werden für ihre intellektuelle Tiefe und ihre Fähigkeit, die öffentliche Diskussion anzuregen, geschätzt.






Im interdisziplinären Gespräch mit Donatella di Cesare
Das Buch thematisiert die Gefahren von Holocaustleugnung und deren Einfluss auf die Demokratie. Es kritisiert den Versuch, die dunkelsten Kapitel der Geschichte zu verdrängen, um eine vermeintlich "reine" nationale Identität zu schaffen. Durch die Manipulation historischer Fakten wird eine gefährliche Ideologie gefördert, die nicht nur die Erinnerungskultur bedroht, sondern auch die Grundlagen der demokratischen Werte. Der Autor beleuchtet die Notwendigkeit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, um eine gesunde und aufgeklärte Gesellschaft zu fördern.
In this insightful work, philosopher Donatella Di Cesare explores the evolution of Holocaust denial since World War II, highlighting how it has transformed into modern conspiracy theories. She examines the intimidation of survivors and the ongoing accusations against Jews, linking denialism to historical anti-Jewish sentiments.
Conspiracy theories are neither delusions nor lies, neither simplistic fallacies nor psychological quirks: rather, they are a political problem. They are not so much about truth as about power. Rather than seeking to debunk conspiracy theories as the work of fringe groups and cranks, Donatella Di Cesare develops an original account that portrays conspiracy as the spectre of a shattered community. With the proliferation of conspiracy theories, the distrust of politics and politicians turns into a boundless and pervasive suspicion. Who is behind the scenes? Who is pulling the strings? The world, which seems increasingly confusing and impossible to read, must have a hidden side, a secret realm, that of the Deep State and the New World Order, where plans are hatched, information is gathered and thoughts are controlled. It is no longer a matter of a one-off plot or intrigue. Conspiracy is the very form in which citizens who feel condemned to a frustrating impotence, helpless before a techno-economic juggernaut, and manipulated by a faceless power relate to the world. This is why conspiracy, which exposes the emptiness of democracy, proves to be a fearsome weapon of mass depoliticisation.
Ever since the end of the Second World War when the sheer enormity of the Nazi crime against the Jews became apparent, there have been repeated attempts to deny that the Holocaust really happened. The existence of gas chambers was questioned and the testimony of survivors was thrown into doubt: the more witnesses spoke out, the more they were intimidated and attacked by a denialism that sought to present itself as a search for historical truth. The accusation of trickery and deception – so central to the centuries-old anti-Jewish hatred – continues to thrive in our times. Today denialism takes a new and more insidious form: Jews are accused of exploiting the ‘cult of the Holocaust’ not only to found the state of Israel but also in order to take the reigns of power in a New World Order. Holocaust denial has merged with conspiracy thinking, and the ‘world Jewish conspiracy’ has become the cornerstone of the new denialism. Concisely and authoritatively, acclaimed philosopher Donatella Di Cesare reconstructs the evolution of denialism and sheds new light on one of the most troubling phenomena of our time.
Es ist an der Zeit, dass die Philosophie in die Stadt zurückkehrt. In der heutigen von Krisen geprägten Welt des globalisierten Kapitalismus, die sich zunehmend in sich selbst verschließt, scheint es schwieriger denn je, Auswege zu denken. Die Philosophie läuft Gefahr, zur Handlangerin der Wissenschaft und einer ausgehöhlten Demokratie zu werden. Donatella Di Cesare fordert stattdessen die Philosophie auf, sich wieder in das politische Geschehen und in die globale Polis zu begeben, aus der sie nach dem Tod von Sokrates verbannt wurde. Sie schlägt einen radikalen Existenzialismus und einen neuen Anarchismus vor und zeigt, dass die westliche Philosophie seit ihren Ursprüngen im antiken Griechenland von einer politischen Berufung geprägt ist. Die Trennung der Philosophie von ihren politischen Wurzeln beraubt sie ihres wertvollsten und erhellendsten Potenzials. Kritik und Dissens allein sind nicht mehr genug. Philosophen sollten sich der Politik zuwenden und eine Allianz mit den Armen und Unterdrückten schmieden. Diese leidenschaftliche Verteidigung der politischen Relevanz der Philosophie und ihres radikalen Potenzials in unserer globalisierten Welt wird für Studierende und Wissenschaftler der Philosophie sowie für ein breites allgemeines Publikum von großem Interesse sein.
Why the story of the exile is the heart of the modern condition--
Während der Kapitalismus auf den Ruinen von Utopien triumphiert und der Glaube an den Fortschritt schwindet, brechen überall Revolten aus. Proteste flammen von London bis Hongkong, von Buenos Aires bis Beirut auf, einige wie ein Lauffeuer, andere flauen ab und flammen erneut auf. Selbst die Pandemie konnte sie nicht stoppen: Der brutale Mord an George Floyd in Minneapolis wurde zum Zündfunken einer neuen Explosion. Wir leben in einer Zeit der Revolte, die nicht bloß als spontane Wutausbrüche betrachtet werden sollte. Explodierende Wut ist kein Blitz aus heiterem Himmel, sondern ein Symptom einer sozialen Ordnung, in der die Souveränität des Staates als einzige Bedingung der Ordnung gilt. Revolte stellt diese Souveränität in Frage, sei sie demokratisch oder despotisch, und legt die Gewalt offen, die ihr zugrunde liegt. Sie stört die Agenda der Macht, unterbricht die Zeit und wirft die Geschichte durcheinander. Die Zeit der Revolte, diskontinuierlich und intermittierend, ist auch eine Revolte der Zeit, ein anarchischer Übergang zu einem Raum der Zeit, der sich von der Architektur der Politik löst. Diese Reflexion über die Natur und Bedeutung der Revolte ist von Interesse für Studierende der Politik und Philosophie sowie für alle, die sich mit den zentralen Fragen der heutigen Politik beschäftigen.